Gisela und der Novak

„Ich habe einen Mann, den viele möchten,
Der immer mich bewahrt vor allem Schlechten.
Ein jeder kennt ihn, „Nowak“ ist sein Name,
Ihm danke ich, daß heut‘ ich eine Dame.
Ob angezogen oder als ein Nackter,
Der Nowak hat am ganzen Leib Charakter.
Ich hätt’ schon längst ein böses End` genommen,
Aber der Nowak läßt mich nicht verkommen.“

Verrucht, unverkrampft, sexy und zügellos – die Schwabinger Gisela und ihr Lied „Der Novak“ brachten München Mitte der 50er Jahre zum Brodeln.

1952 eröffnete Gisela Dialer-Jonas (*1929) in der Occamstraße 8 ihr Kleinkunstlokal „Bei Gisela (heute: „Vereinsheim“) hinter der Münchner Freiheit.

Schnell wurde die Nachtbar in den 50er und 60er Jahren zum beliebten Treffpunkt der Schwabinger Bohème, legendär schließlich durch Besucher wie Freddy Mercury, Erich Kästner, Orson Welles, Kirk Douglas (welcher sich sogar ihr Auto lieh) oder Leonard Bernstein, um nur ein paar wenige zu nennen. Später führte sie in den Achtzigern das ebenfalls berühmte „Café Giesing“ mit Konstantin Wecker.

Sie studierte erst Ausdruckstanz an der Folkwang in Essen, wollte da doch lieber Rennfahrerin und  KFZ-Mechanikerin werden, doch schließlich wurde sie Chansonnière und mit nur 23 Jahren Deutschlands damals jüngste Wirtin.

Nicht nur ihr unkonventioneller und emanzipierter Lebenswandel für eine Frau der 50er Jahre, sondern auch ihre Texte selbst waren und sind es nach wie vor, die beeindrucken. Da geht es um Ehebruch, zügellosen Sex und Schamlosigkeit.

In „Die Bar“ singt sie: „Der erste bestach mich mit Wermut und Sekt, ich hab‘ noch die Tropfen vom Glase geleckt“ und berichtet in „Morgengrauen“ aus dem Leben einer Berliner Hure: „Een Lustjreis beehrt mir, mit Band und Monokel – pervers ist der olle meschuggene Gockel Die Peitsche vasteckt er ins Schirmfutteral. uff „strenge Erziehung“, denn klappt et nochmal!“

„Der Novak“, ihr wohl berühmtestes Lied (Original: Cissy Kramer), sang sie ebenfalls gekonnt verrucht und tief. In Österreich ganz verboten, versah man es in Deutschland mit einem eingestanzten Loch zum Abschließen (rechts unten an der Plattenhülle) – „den Schlüssel gut verwahren“, denn ein Hamburger Jugendpfleger erstattete Anzeige. Da aber der Richter selbst regelmäßiger Gast bei Gisela war, ordnete er das Stanzloch an, da er wusste, welchen Werbeeffekt dies haben würde. Trotzdem blieb sie vielen Polizeikontrollen- und Beschlagnahmungen nicht verschont.

Ihre 2008 erschienen Autobiografie, Schwabinger Gisela – Eine gebildete Dame mit stark unzüchtigem Charakter, wird mit einem Vorwort von Münchens Bürgermeister Christian Ude eingeleitet. Dies zeigt einmal mehr, welchen Stellenwert die Schwabinger Gisela hatte und welchen wesentlichen Beitrag sie zur Schwabinger Kulturvielfalt bot.

Nun bietet sich eine einmalige Gelegenheit: am 29. Mai 2011 um 19 Uhr – Lesung, Gesang und Gespräch mit Gisela Jonas im Maritim Hotel München (aufgrund der großen Nachfrage zum 4. Mal!). Eine Gelegenheit, wie sie vielleicht so bald nicht wieder kommen wird.

Reinhören: „Der Novak“*

Ich habe einen Mann, den viele möchten
der immer mich bewahrt vor allem schlechten
ein jeder kennt ihn – Novak ist sein Name
ihm dank ich es, daß heut‘ ich eine Dame
ob angezogen oder als ein Nackter
der Novak hat am ganzen Leib Charakter
Ich hätt schon längst ein böses End genommen
aber der Novak läßt mich nicht verkommen
Ich hätt‘ an vielen Dingen mein Vergnügen
Ich möcht’ so gerne in der Gosse liegen
Ich möchte einmal sinnlos mich besaufen
Ich möchte mit einem Freudenmächen raufen
Ich möchte einmal Männer toll verbrauchen
Ich möchte statt Memphis Marihuana rauchen
Ich hätt auch längst schon Morphium genommen
aber der Novak läßt mich nicht verkommen
Ich möchte einmal bei Vollmond ein Vampir sein
Ich möchte Geliebte von einem Fakir sein
Damit mich, wenn ich lieg auf der Matratzen
von hinten noch die Nagelspitzen kratzen
Ich möchte Austern mit der Schale essen
Ich möchte mit einem Walfisch mich vergessen
Ich hab mir das schon alles vorgenommen
Aber der Novak läßt mich nicht verkommen
Der Novak ist zwar einerseits ein Segen
Doch andererseits läßt er mich nicht bewegen
Da stand ein Inserat in einer Zeitung
Es sucht von einem Nachtlokal die Leitung
Ein junges Mädchen brav mit nettem Wesen
Das nackert tanzt vor Negern und Chinesen
Den Posten hätt sofort ich angenommen
Aber der Novak läßt mich nicht verkommen
http://mischalke04.wordpress.com
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