Seidlvilla

Vor einiger Zeit auf dem Weg durch Schwabing ist mir etwas komisch passiert. Ich wollte zu einer öffentlichen Führung durch die Seidlvilla gehen, an der ich schon jahrelang immer vorbei gelaufen, aber nie hinein gegangen bin. Dass es da tatsächlich eine Führung gab, war eine tolle Gelegenheit, dachte ich mir, hatte ich doch sonst immer nur neugierig durch große gusseiserne Tor gespickt, mich aber nie hinein getraut. Sämtliche Veranstaltungen, die sich auf der Homepage fanden ließen, entsprachen leider selten meinem Interesse. Dabei wollte ich doch nur einmal einen Blick in die Gemäuer werfen! Also gesagt, getan, hin zu dieser Führung. Ich ging durch das Tor, suchte das Foyer und fand mich vor einem mächtigen, offenen Kamin in einer Art Halle wieder, von der ich schwer annahm, dass es das besagte Foyer sein müsse.

Doch weit und breit kein Mensch in Sicht. Als notorische Zuspätkommerin eine nicht all zu gewöhnliche Situation – ich wurde nervös. Im Nebenraum wurde Tango getanzt, an der Bar bestätigte mir das Personal anschließend, dass ich mit meiner Verortung des Foyers durchaus richtig lag. Schließlich traf ich dort eine Dame an und dachte mir: schön, sind wir schon zu zweit; immerhin muss ich jetzt nicht alleine suchen. „Möchten Sie auch zu dieser Führung?“, fragte ich sie. Ha, ich leite diese Führung!“ Es stellte sich heraus, dass sich uns letzten Endes nur noch ein weiterer Besucher anschloss und wir somit zu einer Exklusivführung im kleinen Kreis kamen. Die Dame war sehr kompetent und äußerst offen, weswegen wir Blicke in unzählige Zimmer werfen und mindestens genau so viele Fragen stellen konnten. Höhepunkt ihrer Erzählungen aus der wechselseitigen Geschichte: das Anwesen diente in den 70er Jahren dem „Schulmädchenreport“ als Kulisse! Ursprünglich wurde die Stadtvilla 1905 von Emanuel von Seidl für Franziska Lauterbach, wohlhabende Witwe des Spaten-Brauerei-Besitzers, erbaut. Weiter heißt es auf der Homepage:

„Zu Beginn der 1970er Jahre tauchten erste Gerüchte auf, die Villa und die beiden Handwerkerhäuschen an der Ecke Nikolaiplatz sollten abgerissen werden und einem Hotel, Büro oder Kaufhaus weichen.  Aus dem Protest der Anwohner entwickelte sich bald das „Bürgerkomitee Schwabing“ und später die „Aktion Nikolaiplatz“, die für den Erhalt der „Idylle“ fochten. Die Schwabinger entwickelten erste Ideen für eine soziale und kulturelle Nutzung. Um eine Insel für das von Wirtschaft und Tourismus bedrängte Viertel zu erreichen, gründeten die Bürger den Verein „Bürgerzentrum Seidlvilla“. Mit Aktionen, Unterschriftensammlungen, Eingaben und Bürgerfesten verfolgte der Verein über viele Jahre zäh sein Ziel, trotz erheblicher Widerstände und unterschiedlichster Nutzungsinteressen: so war zuletzt vor der Öffnung des Bürgerhauses ein Polizeirevier in dem mittlerweile von der Stadt erworbenen Gebäude untergebracht.“

Diese Bürgernähe ist noch heute zu spüren, vor allem an Sonntagen im prächtigen Garten der Villa, wenn sich dort im Herzen von Altschwabing Anwohner zum „Coffee for four“ treffen.

Zusammen mit den gemeinnützigen Trägern und Veranstaltungen ist dies eine Oase des Miteinanders, die der Anonymität der Großstadt beharrlich trotzt. Und wer weiß, vielleicht trinke ich auch demnächst dort gepflegt meinen Fünf-Uhr-Tee und lausche andächtig (wenn das geht, muss ich mich mal erkundigen) Vorträgen des Werkbundes Bayern, die dort ihre monatlichen Sitzungen haben? Nächster Termin: Mi. 28. September – werkbund 2011: qualität – 19 Uhr, Seidlvilla, Mühsam-Saal, Nikolaiplatz 1 b, 80802 München

Für mehr Info: http://www.seidlvilla.de
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