Hellbronx

Wenn man in Heilbronn (auch bekannt als Heil/Hell-Bronx oder kurz HNX, wie man allerorts gesprüht an Wände und der gleichen lesen kann) am Hauptbahnhof ankommt, empfängt einen erst einmal schräg gegenüber der Bierkrug – TRINKEN KUNST MUSIK !

Es ist ein schwieriges Verhältnis zwischen mir und meinem Geburtsort, eine klassische Hass-Liebe. Es fängt bei der Sprache an: die Stadt liegt in einer Art Bermudadreieck der Dialekte. Im Herzen sind die meisten Einwohner Schwaben, sie benutzen schließlich eine solche Wortwahl. Hört man aber auf die Intonation, ist diese unleugbar badisch. Und als wäre das nicht genug, heißt die Region von offizieller Seite aus ‚Heilbronn-Unterfranken‘. Die fränkischen Einflüsse sind mir aber bisher gänzlich unbekannt. Diesem Kauderwelsch ist es zu danken, dass man Deutschland weit für allerhand gehalten wird, nur nicht für einen Schwaben. Auch im Ländle selbst erntet man bestenfalls mitleidige Blicke, denn die Badener halten einen für einen Schwaben und letztere wiederum für einen Badener. Mobbing auf Länderebene. Oder wie in diesem exemplarischen Rap-Video – „als Stadt der Versager werden wir beschimpft“:

Außerdem wäre da noch die optische Seite der Stadt, denn, man muss es einfach so sagen: Heilbronn ist nicht schön. Jeder in der Stadt weiß das selbst. Am 04. Dezember 1944 wurden mehr als 90% des Stadtkerns zerstört, was sich bis heute zeigt: es existieren nur vereinzelt historische Bauten und nur wenige werden auch erhalten und gepflegt. Ein gewisser dilettantischer Städtebau herrscht seit den 70er Jahren, der alles, was nach alt aussieht, niederwalzen lässt und dem stattdessen etwas ‚modernes‘ entgegensetzt. Abgesehen von der lebhaften  und umfassenden Käthchen-Image-Heimatpflege hält man nicht viel von seiner bewegten Vergangenheit.

Man könnte meinen, Architektur sei ja recht unschön, aber es sind doch die Menschen, welche die Stadt formen und so schlecht können diese ja wohl nicht sein, bei immerhin 120.000 Einwohnern. Es liegt nahe, Vergleiche zu ähnlich großen (und teilweise unschönen) Städten im Land zu ziehen, etwas Karlsruhe, Pforzheim oder Mannheim. Doch so einfach ist auch das nicht. Denn anders als in diesen Städten hat die Käthchenstadt keine Universitäten oder bedeutende Museen und Theater. Es gibt sicher eine gewisse intellektuelle Schicht, aber die Mehrheit der Bevölkerung kommt eben doch aus einem einfacheren Arbeitermilieu und ist bei einer der hiesigen Unternehmen wie Knorr, Audi oder Lidl angestellt. Anstatt quirliger Kreativität und Liberalität herrscht bornierte, konservative und kleinbürgerliche Eigenbrödlerei, die schwäbischer nicht sein könnte.

Ein kleines Schmankerl, das sich neulich vor unserer Haustüre abspielte:

Gott sei Dank, kann man sagen, entwickelt sich mittlerweile eine kleine aber feine Kultur-Szene um den Mobilat-Club. In unmittelbarer Nachbarschaft ansässig ist seit neustem auch der von Serge Vutuc gegründete PLEMPLEM Kaufraum. (Blog: http://www.plemplemkaufraum.wordpress.com) Außerdem vernetzt mit diesen Einrichtungen ist auch die Chaos-Band meiner Freunde Liquid Kitty sowie die Basementizid Galerie.Es tut gut, diesem Treiben zuzusehen und man kann nur hoffen, dass ihnen Akzeptanz, Respekt und Freude entgegengebracht wird, die sie dringend verdienen.

Meine Herkunft und Liebe für die Heimat kann und will ich trotz all dem nicht leugnen. Jede Begegnung mit den Weinbergen und den damit verbundenen Traditionen wie Besenwirtschaften, Weinlese- und Feste oder buntes Herbstlaub machen mir das Herz schwer. Orte, Menschen und Wörter sind das, was mich zu dem gemacht haben was ich bin und mich stolz machen. In der Fremde erkennt man dann doch immer wieder, was man an der guten alten Kinderstube hatte. So halte ich es eben eher mit einer Liebe auf Distanz.

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